Kaffee

Das hab ich mir verdient.

“Na, Sie haben’s aber schön”, sage ich zu zwei Damen, die je ein Gläschen Sekt vor sich stehen haben, “Sie wissen, wie man das Leben feiert.”
Nach einer Schrecksekunde antwortet die Ältere: “Das habn mer uns au verdient.”

Ich bin nämlich im Schwabenland. Hier gelte es als Kompliment für eine Frau, hat mir jüngst eine Seminarteilnehmerin zugeraunt, wenn es von ihr heiße: “Die sieht ganz ab’gschafft aus.” Das wäre mir dann doch zuviel. Aber sonst gefällt mir das Arbeitsethos der Schwaben, obwohl ich eine vergleichsweise liederliche Österreicherin bin.

Wenn ich in jungen Schauspielerjahren am helllichten Tag spazieren ging, um Text zu lernen (Gut die Hälfte davon lernte ich  mit den Füßen!), da hab ich mich oft geniert. “Was denken sich denn die Leut? Die macht sich einen schönen Lenz?”

Was die Leute denken, halte ich heute nicht mehr für gar so wichtig, und das erleichtert mir das Leben sehr, weil ich noch immer am helllichten Tag spazieren gehe. Besonders leicht spaziert es sich, wenn ich …
a) dabei arbeite (Denken! Ha!) oder
b) mich vom Arbeiten erhole.
Ich glaube nicht, dass das nur am Leistungsdruck liegt, an Zeigefingern und internalisierter Gesellschaftsmoral.

Es fühlt sich einfach herrlich an, etwas geschafft zu haben.

Ein feines Bier trinke ich gern, aber nichts übertrifft den Genuss, wenn ich es nach schweißtreibendem Aufstieg vor der Almhütte schlürfe – im Urlaub habe ich das jetzt wieder erlebt.

Wir haben Muskeln, und die sind dazu da, um sich zu bewegen. Welchen anderen Sinn sollten sie haben? Wir haben Augen, um durch sie die Welt in uns hereinzulassen. Geben wir Ihnen etwas zu sehen. Wir haben Hirn und Verstand, um uns etwas auszudenken und schöpferisch zu sein. Und was wir uns alles ausdenken: Rasenroboter! Meine Fuschler Freunde mit Garten sind begeistert. Dübel! Apps! Symphonien!

Ich finde uns großartig.

Und weil ich meinen freien Willen liebe (doch, ich glaube daran), deshalb nehme ich auch in Kauf, dass sich andere mit ihrem freien Willen Sachen ausdenken, die ich nicht mag. Noch haben wir die Welt nicht in die Luft gesprengt, noch sind die, die Nützliches erschaffen, stärker oder einfach in der Überzahl.

Unsere majestätische Erde dreht sich noch immer durch ein majestätisches Universum. So lange will ich auch majestätisch sein und schaffen – göttlich und ganz handfest schwäbisch.

Darum habe ich die beiden Damen auch angestrahlt. “Ja”, habe ich verschwörerisch gesagt, “ich hab mir mein Gutes heute auch verdient.”
Dann habe ich meinen Affogato al Caffè auf die Terrasse getragen und meine Schaffenspause genossen.

Amen.

P.S.
Dass es auch himmlisch sein kann, etwas ganz und gar Unverdientes zu genießen, das ist kein Widerspruch. Die Wahrheit ist ja immer paradox – zumindest das, was ich davon verstehe.

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