Spruchbild: Du kannst keinen anderen glücklich machen.

Plädoyer für das Recht, unglücklich sein zu dürfen

Zwei treffen und verlieben sich. Sie sind glücklich, wie jeder weiß, der einmal verliebt gewesen ist. Wie viel es am anderen zu entdecken gibt! Was für ein Abenteuer! Und wie es sich für ein Abenteuer gehört, gilt es Gefahren zu überstehen, und die größten Gefahren kommen oft ganz harmlos daher.

“Ich mache dich glücklich!”

Am Anfang ist das so leicht, weil der andere in deiner Gegenwart ohnehin glücklich ist. Dann beginnst du, dem anderen Dinge zuliebe zu tun. Das ist eine wunderbare Sache; von sich selbst abzusehen, das macht wirklich glücklich – solange es mit reinem Herzen geschieht.

Ein reines Herz? Das bedeutet, du tust es, um dich glücklich zu machen; weil es dir eine Freude ist, das für den anderen zu tun. Du schenkst dem anderen einen blankpolierten Apfel und freust dich an deiner Liebe, die dich schenken lässt – auch wenn der andere den Apfel gar nicht isst, weil er keinen Hunger hat oder Äpfel grundsätzlich nicht ausstehen kann.

Wenn dich das unglücklich macht, war der Apfel vergiftet; vergiftet mit Erwartungen, Hoffnungen, Wünschen: dass der andere dein Geschenk mag, dass es ihn glücklich macht, dass er dich dafür liebt. Oje. Denn die Wahrheit ist – und das gilt nicht nur für Liebespaare, sondern auch für Eltern, Kinder, Freundinnen, Kollegen, Chefinnen und Nachbarn:

Wer versucht, einen anderen glücklich zu machen, verliert. Immer. Denn wenn der andere unglücklich ist, kannst du tun, was du willst – es wird ihn nicht glücklich machen. Wenn der andere glücklich ist, kannst du ohnehin tun, was du willst.

Und seien wir ehrlich: Wenn wir nicht mit reinem Herzen in die Berge statt ans Meer fahren, vegan statt deftig kochen, diesen statt jenen Film ansehen, daheim bleiben statt auszuwandern, dann muss der andere dafür bezahlen! Wir gehen innerlich auf Distanz, brechen an völlig unerwarteten Ecken in Vorwürfe aus, tragen unser Leid zur Schau. Nicht, dass wir das absichtlich täten, wir können nicht anders. Das ist nämlich der Preis, den wir selber zahlen – dass wir unglücklich sind und meinen, der andere sei Schuld daran.

Sei  glücklich, dann kann nämlich der andere tun, was er will – es wird vielleicht ihn, aber nicht dich unglücklich machen.

Klingt das hart? Unromantisch? Selbstsüchtig? Ich glaube, dass es selbstsüchtig ist, vergiftete Äpfel zu verschenken. Wenn wir uns stattdessen gut um uns selbst und unser Wohlbefinden kümmern, befreien wir den anderen von der Last, für uns glücklich sein zu müssen. Ist das nicht ein fantastisches Geschenk? Wer unglücklich ist, sollte doch wirklich nicht auch noch damit belastet werden, dass ich über sein Unglück unglücklich bin und er sich doch bitte von mir helfen und heilen und glücklich machen lassen soll.

Ich lasse mich da gerne von Khalil Gibran inspirieren: “Ihr, die ihr stark und schnell seid, seht zu, dass ihr nicht vor den Lahmen hinkt und es für Freundlichkeit haltet.”

Sei fröhlich, lache und tanze. Und weine, wenn dir danach ist. Es wird dich so erleichtern, wenn du dann nicht für einen anderen gut drauf sein “musst”.

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