Spruchbild: Scheiter heiter!

Scheiter heiter

“Mir scheint, du bist erfolgsverwöhnt”, sagte Uschi, und sie hatte Recht.
Gerade lag ein Wochenendseminar hinter uns: “Selbstermächtigung durch Bilder – So kritzeln Sie sich glücklich”. 17 Menschen hatten teilgenommen, und einige davon waren nicht warm geworden mit dem Zeichenstift. Treue Fans, die sich quasi blind anmelden, wenn ich einmal im Jahr in ihre Gegend komme, meinten nach dem ersten Tag: “Wenn ich gewusst hätte, wie viel wir tatsächlich zeichnen und gestalten, wäre ich nicht gekommen.”

Oje. Ich dachte nach, justierte das Programm für den nächsten Tag – und legte eine Denkdiät ein. Sehr schnell bemerkte ich nämlich: Wenn ich meine Gedanken laufen lasse, wie sie wollen, treiben sie mich durchs Grübelkarussell: “Die armen Teilnehmer. Die sind nicht glücklich und du bist schuld. Hättest du mal die Seminarbeschreibung treffender formuliert. Die werden nie wieder kommen …” Zehn Sekunden reichten, um das alles zu denken, und unbewusst wären diese Gedanken einfach stundenlang im Kreis gelaufen.

Her also mit der Denkdiät. Ich war mir an diesem Abend selbst eine gute Schülerin, was mich wirklich freut. Nach allen Regeln der Denkdiät-Kunst lenkte ich mich weg vom Sog des Negativen. Zuerst beteiligte ich mich engagiert an einem Gespräch im Dachstüberl, und als ich später ins Bett ging – Achtung, besonders gefährliche Grübelfalle! – hörte ich mir einen inspirierenden Podcast an und übte mich im Zuhören. Darüber wurde ich, wie geplant, so müde, dass ich tief und fest bis zum Morgen schlief.

Nach dem Aufwachen dasselbe Spiel: Noch einmal kurz durchdacht, wie ich das Seminar gestalten wollte, danach jeden auftauchenden Sorgengedanken sanft losgelassen, indem ich mich auf etwas anderes konzentrierte. Eine Herausforderung.

Die Feedbacks am Ende des Seminars waren dann durch die Bank positiv, wenn auch die genannten Fans bei ihren Statements blieben: “Hätten wir … gewusst, wären wir nicht gekommen.” Und dann, ich hatte die Runde schon aufgehoben, fragte jemand: “Ja, wie war denn das Seminar für dich?” Erwischt, um  mein eigenes Resümee hatte ich mich nämlich gedrückt. Nun legte ich meinen ambivalenten Zustand doch offen: nach wie vor begeistert von Thema und Inhalt, dabei betrübt, weil ich damit nicht alle abholen konnte.

“Mir scheint”, sagte Uschi nun also, “du bist erfolgsverwöhnt”, und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Trotz aller Denkdiät war ich nämlich in die Falle getappt und hatte dem nicht Gelungenen unverhältnismäßig viel Bedeutung eingeräumt. Auch die Unzufriedenen waren nämlich mit manchen Dingen zufrieden gewesen, und nicht wenige Teilnehmer zeigten sich ohne Einschränkung happy mit dem Seminar.

Warum ich dir das so ausführlich erzähle? Weil ich dir damit Mut machen will. Es ist so normal, dass wir nur den Misserfolg sehen, und nicht selten tragen wir dadurch eine Wunde davon, die nicht zuheilt. Bei der nächsten Herausforderung sind wir plötzlich ängstlich, trauen uns weniger zu und fürchten den nächsten Misserfolg geradezu herbei.

Bleiben wir realistisch: Machen wir uns auch den Teilerfolg bewusst, der  jeden Misserfolg begleitet!

Das macht den Weg frei fürs Lernen. Lernen heißt nämlich: Ich kann etwas noch nicht, mache Fehler, erkenne dadurch, wie es nicht geht, und wenn ich dranbleibe, meistere ich die Sache schließlich: Ich habe etwas gelernt.

Wenn wir Misserfolge überbewerten, wollen wir sie vermeiden – was dazu führt, dass wir nichts mehr lernen. Aber lernen ist Leben und uns Neues zu erobern, das lässt uns aufblühen. Deshalb also: Scheiter heiter! Oder, wie meine Kollegin Heike Weick so wunderbar sagt:

“Fähler bringen dich weiter.”

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