Spruchbild: Sei gut zu dir - vor allem, wenn du es nicht verdienst.

Sei gut zu dir

Willst du ein guter Mensch sein? Wahrscheinlich schon, und da haben wir etwas gemeinsam. Auf der einen Seite ist das wunderbar: Du tust selbstlose Dinge, lässt jemandem die Vorfahrt, schippst für den kranken Nachbarn Schnee, verzichtest nach Möglichkeit auf Plastiktüten und zahlst deine Steuern. Wohl der Gemeinschaft, in der du lebst – einerseits, wie gesagt.

Andererseits tust du auch Dinge, die kein guter Mensch tun würde, stimmt’s? Da haben wir auch etwas gemeinsam. Du fliegst, statt mit dem Zug zu fahren, du blaffst deine Kinder an oder die langsame Kellnerin, du futterst Schokokekse, bist neidisch und fühlst dich hilflos – oder sowas in der Art.

Genau das ist der Zeitpunkt, an dem wir gerne die Peitsche auspacken.

Meistens fällt dir gar nicht auf, was für ein Meister, was für eine Meisterin der Selbstgeißelung du bist. Diese Stimme in deinem Kopf, die nie mit dir zufrieden sein wird, ist dir so vertraut, dass du kaum einmal bewusst wahrnimmst, womit sie dich bombardiert: Du musst, du sollst, du darfst auf keinen Fall! Katastrophe! Weißt du was? Keiner kann dich zwingen, dieser Stimme zu glauben.

Glaub nicht alles, was du denkst.

Weil du nämlich meistens unbewusst denkst (ich übrigens auch), plappert die Stimme in deinem Kopf die Standards der Kultur nach, in der du aufgewachsen bist. Idealstandards, wohl gemerkt – und wer wäre schon jemals einem Ideal gewachsen gewesen?

Das Dumme ist: Wir behandeln andere unbewusst so, wie wir uns selbst behandeln. Bist du lieblos zu dir, bist du – zumindest unterschwellig – auch lieblos zu anderen. Woraus ja folgt, dass du kein guter Mensch bist in solchen Momenten, weshalb dein innerer Zuchtmeister wieder die Peitsche auspackt. (Er meint es übrigens gut, aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.)

Wo ist die Ausfahrt aus dem Teufelskreis?

Sie öffnet sich plötzlich, wenn du das Zauberwort verwendest: Aha. Aha, so bin ich also gerade, das denke ich, das fühle ich, das tue ich, aha. Aha, ich bin gerade geizig, aha! Ich habe Angst, für mich bleibt nicht genug, na sowas, interessant.

Absichtslos beobachten,
holistisch betrachten (alles anschauen, was da ist),
amoralisch ansehen, also urteilsfrei.

Wenn das gelingt, geschieht sehr, sehr oft ein Wunder: Du gewinnst Abstand – und damit löst sich deine innere “Schlechtigkeit” auf. Verschwindet. Ist nicht mehr da.

Du bist frei.

Der offene, urteilsfreie Aha-Blick ist ein liebevoller Blick, weil er nichts ausschließt, nichts bekämpft, niemanden verurteilt. Dich in guten Tagen zu lieben ist relativ leicht, nicht wahr? Aber wann würdest du mehr Liebe brauchen, als an deinen schlechten Tagen? Deshalb: Sei gut zu dir – vor allem, wenn du es nicht verdient hast.

“Aha” ist ein guter Anfang.

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